Zwischen Zweifel und Stärke: Chancenbarometer zeigt Schweizer Blick auf die neue Weltordnung
Die Schweiz tritt mit gemischten Gefühlen in die neue Weltordnung: Viele Bürgerinnen und Bürger misstrauen der Verteidigungsfähigkeit des Landes, zugleich bleibt das Vertrauen in die eigene innere Stärke hoch. Das 6. Chancenbarometer des Stiftungsfonds «Strategiedialog21», erhoben vom Meinungsinstitut Sotomo, rückt die Resilienz der Schweiz in den Mittelpunkt und zeichnet ein differenziertes Stimmungsbild.
Rund drei Viertel der Befragten sind der Ansicht, die Schweiz sei schlecht gerüstet, um den Herausforderungen einer Welt im Umbruch zu begegnen. Dazu zählen Migrations- und Fluchtbewegungen, das Erstarken autokratisch regierter Staaten, politischer Druck durch Grossmächte, Cyberangriffe sowie die Zunahme militärischer Konflikte.
Die zentrale Erkenntnis: Die überwiegende Mehrheit hält die Schweizer Armee nicht für genügend vorbereitet, einen konventionellen oder hybriden Angriff abzuwehren. Zudem gehen 70 Prozent davon aus, dass die Schweiz bereits heute Ziel ausländischer Einflussnahme durch Desinformationskampagnen ist.
Trotz dieses skeptischen Befunds fühlen sich über 90 Prozent der Befragten in der Schweiz zumindest eher sicher. Laut Studie liegt das daran, dass zwar Zweifel an der Abwehrfähigkeit bestehen, gleichzeitig aber nur wenige einen militärischen Angriff auf die Schweiz befürchten.
Das Sicherheitsgefühl wird eher durch Kriminalität, Gewalt im Inneren und eine befürchtete gesellschaftliche Spaltung getrübt. Faktoren wie der funktionierende Rechtsstaat und politische Stabilität stärken hingegen das Gefühl der Sicherheit. Für weniger als ein Viertel ist die Neutralität ein wesentlicher Pfeiler des persönlichen Sicherheitsgefühls.
Insgesamt schöpft die Bevölkerung ihre Resilienz aus inneren Stärken mehr als aus der Fähigkeit, äusseren Herausforderungen zu begegnen. So sehen viele die Schweiz nicht genügend gerüstet für den Umgang mit Autokraten, gleichzeitig halten fast drei Viertel die schweizerische Demokratie für widerstandsfähig gegenüber autoritären Tendenzen.
Beim internationalen Ansehen registriert die Mehrheit eine eher negative Entwicklung, besonders bei der Neutralität, deren Ruf aus Sicht vieler gelitten hat. Gleichzeitig signalisiert die Bevölkerung mehr Kooperationsbereitschaft. Über 80 Prozent sehen eine hohe Übereinstimmung der Grundwerte der Schweiz mit jenen Nord-, West- und Mitteleuropas; diese Regionen gelten auch als die zuverlässigsten Handelspartner.
Neben weiteren hochentwickelten kleineren und mittelgrossen Demokratien werden auch China und Indien als wichtiger gewordene Partner wahrgenommen. Die USA unter Präsident Trump stuften lediglich 4 Prozent als zuverlässigen und fairen Partner ein.
In Sicherheitsfragen wünscht sich eine klare Mehrheit mehr Zusammenarbeit: Fast drei Viertel sprechen sich für eine stärkere Kooperation mit den Nachbarländern aus, mehr als die Hälfte für eine intensivere sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit der EU und der NATO.
Das Chancenbarometer fasst damit ein Stimmungsbild zusammen, das zwischen Zweifel an der äusseren Wehrhaftigkeit und Vertrauen in die eigene demokratische und institutionelle Stärke pendelt – verbunden mit dem Wunsch nach mehr internationaler Einbindung.
