wiiw-Prognose: Osteuropa bleibt robust, doch das Niedriglohnmodell bröckelt – wichtige Impulse für Österreich
Osteuropas Wirtschaft trotzt dem Iran-Schock – doch das alte Wachstumsmodell gerät ins Wanken. Eine neue Frühjahrsprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) zeigt, wo die Region Widerstandskraft beweist, wo sie angreifbar ist und warum sie für Österreichs Konjunktur immer wichtiger wird.
Die wirtschaftliche Entwicklung in Mittel-, Ost- und Südosteuropa entscheidet sich derzeit auch an einer weit entfernten Engstelle: der Straße von Hormus. Von dort aus wirken Energiepreise auf Inflation und Lieferketten – und damit auf die Industrien in Ungarn, Tschechien oder Polen.
Das wiiw präsentierte am Mittwoch seine Einschätzung: Der Energiepreisschock in Folge des Iran-Kriegs dämpft das Wachstum, lässt es aber nicht einbrechen. Für die EU-Mitglieder der Region erwartet das Institut 2026 und 2027 jeweils ein durchschnittliches Plus von 2,3 Prozent.
Damit wächst Osteuropa weiterhin mehr als doppelt so stark wie die Eurozone insgesamt, für die das wiiw 0,9 Prozent im heurigen Jahr und 1,1 Prozent 2027 prognostiziert. Gleichzeitig wurden die Erwartungen gegenüber der Winterprognose spürbar nach unten korrigiert.
„Derzeit sind die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die EU-Mitglieder in Osteuropa noch überschaubar“, wird wiiw-Ökonom Richard Grieveson zitiert. Über anziehende Inflation, schwächere Exportnachfrage, gestörte Lieferketten und weiter nachlassende Direktinvestitionen könne die Region aber „stark in Mitleidenschaft gezogen werden“.
Sollte der Krieg im Nahen Osten länger dauern, könnte das Wachstum einzelner Länder noch um ein bis 1,5 Prozentpunkte nach unten revidiert werden. Für Österreich ist der Befund mehr als eine regionale Momentaufnahme. Osteuropa fungiert längst als zentrale Stütze: Während Österreichs Exporte 2025 insgesamt um 0,5 Prozent zurückgingen, legten die Ausfuhren in die Region um drei Prozent zu.
Auch 2026 sollen die 23 Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas den größten Außenbeitrag zum österreichischen BIP-Wachstum unter allen Handelspartnern leisten – mehr als Deutschland, die USA oder China. Parallel dazu verändert sich das Fundament des Aufschwungs in der Region.
Das bisherige Erfolgsmodell als verlängerte Werkbank ausländischer Industriekonzerne verliert an Zugkraft. Gründe sind stark gestiegene Lohnkosten, geringe Produktivitätszuwächse, zunehmende Konkurrenz aus China und rückläufige ausländische Direktinvestitionen.
Zudem markiert die geopolitische Zeitenwende einen Bruch: Erstmals seit Beginn der 1990er-Jahre haben Verteidigungsausgaben in der Region einen ähnlich hohen oder sogar höheren Anteil am Wachstum als ausländische Direktinvestitionen. Für österreichische Unternehmen ergibt sich daraus ein ambivalentes Bild.
Wer vor allem auf niedrige Lohnkosten setzte, gerät unter Druck. Anbieter von Maschinen, Automatisierung und moderner Fertigungstechnologie finden hingegen neue Chancen. In Budapest will der designierte Regierungschef Péter Magyar wirtschaftspolitisch neue Wege einschlagen – ein weiterer Hinweis auf den anstehenden Kurswechsel in Teilen der Region.
Polen bleibt laut aktueller wiiw-Prognose Osteuropas wichtigster Wachstumsmotor. Entscheidend für den weiteren Verlauf bleiben die Energiepreise und die Dauer der Spannungen im Nahen Osten. Solange die Risiken um die Straße von Hormus hoch sind, bleibt die Region verwundbar – auch wenn sie die Eurozone beim Tempo voraussichtlich weiter hinter sich lässt.
