Vor Abstimmung über «Keine 10‑Millionen‑Schweiz»: Demograf warnt vor Schrumpfung ohne Zuwanderung
Kurz vor der Abstimmung über die Initiative «Keine 10‑Millionen‑Schweiz» stellt der Demograf Mathias Lerch den politischen Fokus in Frage. Nicht Platzmangel, sondern Planungslücken seien das Problem, sagt er – und warnt: Längerfristig drohe die Schweizer Bevölkerung ohne Migration zu verschwinden.
Derzeit wachse die Schweiz moderat um rund ein Prozent pro Jahr; Ende 2025 lebten hier über 9,1 Millionen Menschen. Gemäss einer aktuellen Tamedia/Leewas-Umfrage erhält die von der SVP lancierte Initiative 45 Prozent Zustimmung. Im europäischen Vergleich liegt das Schweizer Wachstum im oberen Bereich.
Lerch ordnet die Entwicklung in eine «Wachstumsinsel» ein, die sich von Norditalien über Süddeutschland bis nach Ostfrankreich erstreckt – mit wirtschaftlichen Zentren wie Milano, Stuttgart und Lyon. Historisch habe die Lage an wichtigen Handelsrouten dafür gesorgt, dass wirtschaftliches und demografisches Wachstum Hand in Hand gingen; die Schweiz profitiere stark von dieser zentralen Position.
Viele Menschen hätten dennoch das Gefühl, es werde eng im Land. Aus demografischer Sicht liege die grössere Herausforderung jedoch in der sinkenden Geburtenrate, so Lerch. 2024 lag sie bei 1,29 Kindern pro Frau.
Ohne Zuwanderung schrumpfe die Bevölkerung – ein Blick nach Deutschland zeige, wohin die Entwicklung führen könne: eine deutlich stärkere Alterung, insbesondere in peripheren Regionen, und Engpässe bei elementaren Dienstleistungen wie Gastronomie, Pflege und Kinderbetreuung.
Zum aktuellen Wachstum tragen laut Lerch zwei Faktoren bei: Migration und die steigende Lebenserwartung. Weil mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, lässt sich das Wachstum nicht einfach stoppen. Gleichzeitig bringe es Herausforderungen mit sich – von der Infrastruktur über den Wohnungsmarkt bis hin zur umweltverträglichen Entwicklung.
Platz gebe es dennoch, betont Lerch: «Wir haben noch genügend bebaubare Fläche.» Die Engpässe seien eine Folge falscher Planung. Die Bevölkerungsprognosen des Bundesamts für Statistik aus den Jahren 2000 bis 2010 seien im Rückblick zu tief gewesen und hätten die Migration unterschätzt.
Auf Basis dieser Annahmen sei die Infrastruktur von heute geplant worden – mit der Folge überfüllter Autobahnen und fehlenden Wohnraums. Migration lasse sich zwar schwer prognostizieren, sei volatil. Mit der Personenfreizügigkeit sei ein Anstieg jedoch naheliegend gewesen.
«Die Evidenz war da, aber man wollte es nicht sehen.» Die Schweiz müsse sich eingestehen, ein Einwanderungsland zu sein; nur so lasse sich realistisch planen. Für 2000 bis 2010 habe sich jeweils das hohe Szenario der Prognosen bewahrheitet, sagt Lerch. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren seien die Vorhersagen realistischer geworden.
Am 14. Juni entscheidet die Stimmbevölkerung über die Initiative – Lerch plädiert dafür, die Planung konsequent an der tatsächlichen demografischen Entwicklung auszurichten.
