Psychologe Schenk: Reform soll Benachteiligung psychischer Erkrankungen beenden

Die Gesundheitsreform biete die Chance, eine offene Wunde zu schließen: die strukturelle Benachteiligung psychischer Erkrankungen in Österreichs Gesundheitssystem. Das schreibt der Psychologe und Sozialexperte Martin Schenk in einem Gastkommentar. Während ein gebrochener Knochen selbstverständlich und ohne Mengenlimit behandelt werde, sei die psychotherapeutische Versorgung in Kontingenten organisiert – nicht nach Bedarf.
Ist das Kassenkontingent erschöpft, ende die Leistung. Zu wenige leistbare Therapieplätze, lange Wartezeiten und Unterversorgung in ländlichen Regionen vergrößerten die Lücke. Schenk verweist auf die Belastungen durch Pandemie, Krieg und Teuerung, die auf vielen jungen Menschen lasten.
Die meisten könnten damit umgehen, andere seien verletzlicher und hätten weniger Reserven. Erhebungen hätten bereits vor einigen Jahren gezeigt, dass etwa 25 Prozent aller Jugendlichen in Österreich an einer diagnostisch zuordenbaren psychischen Störung leiden.
Vor allem Angststörungen, depressive Verstimmungen und ADHS seien vertreten gewesen. Besonders gravierend: Mehr als die Hälfte der Betroffenen habe keine adäquate Behandlung erhalten. In der Corona-Zeit spitzte sich die Lage aus Schenks Sicht zu.
Beinahe jeder zweite Jugendliche berichtete über depressive Symptome; eine Welle junger Menschen mit schweren Essstörungen – vor allem Mädchen – erreichte kinder- und jugendpsychiatrische Ordinationen und Spitalsabteilungen. Suizidale Impulse nahmen gleichermaßen sprunghaft zu.
Inzwischen seien die Häufigkeiten zwar etwas zurückgegangen, doch habe sich die Situation auf einem Niveau stabilisiert, das vor allem eines zeige: Die einschlägigen Versorgungsstrukturen würden den Bedarf nicht im Mindesten decken. Zugleich betont Schenk soziale Ungleichheiten: Das Risiko, psychisch zu erkranken, sei bei Jugendlichen aus ärmeren Familien doppelt so hoch wie bei jenen, die in Wohlstand und sozialer Sicherheit leben.
Hier würden Brüche im System sichtbar. Er verweist auf eine Erhebung der Volksanwaltschaft in österreichischen Psychiatrien, wonach jeder dritte Patient nicht zum richtigen Zeitpunkt entlassen werde. Ursachen lägen selten in der medizinischen Entscheidung selbst, sondern in den Rahmenbedingungen – vor allem fehlten geeignete Nachsorgeangebote.
Besonders deutlich werde die Lücke bei Essstörungen: Nach stationären Aufenthalten stünden österreichweit lediglich drei spezialisierte Wohngemeinschaften für die notwendige Nachbetreuung zur Verfügung. Insgesamt fehlten mobile Teams, Home Treatment und regionale integrierte Therapiezentren.
Österreich habe eine große Tradition in der Psychotherapie, erinnert Schenk und nennt Namen wie Sigmund und Anna Freud, Alfred Adler und Viktor Frankl. Umso auffälliger sei die Diskrepanz zwischen historischem Anspruch und aktueller Versorgungssituation. Die aktuelle Gesundheitsreform biete aus seiner Sicht die Gelegenheit, gegenzusteuern.
Eine gebrochene Seele, so sein Fazit, sollte ebenso selbstverständlich behandelt werden wie ein gebrochener Knochen – rechtzeitig und angemessen.
