Politico-Umfrage: In mehreren EU-Staaten fürchten sich Mehrheiten eher vor den USA als vor China

Eine neue Umfrage von Politico zeichnet ein unerwartetes Bild der europäischen Stimmung: In mehreren grossen EU-Staaten werden die USA inzwischen häufiger als Gefahr für Europa genannt als China. Für Befürworter enger transatlantischer Bindungen ist das ein Alarmsignal – zumal Europa in den vergangenen Jahrzehnten von der amerikanisch geprägten Weltordnung stark profitiert hat.
Historisch galten US-Präsidenten vielen Europäern als Leitfiguren der freien Welt – von John F. Kennedys „Ich bin ein Berliner“ über Ronald Reagans Aufforderung an Michail Gorbatschow, die Mauer niederzureissen, bis zum Friedensnobelpreisträger Barack Obama.
Trotz berechtigter Kritik an Fehlentscheidungen der USA seit 1945 haben die Vereinigten Staaten durch militärische Stärke und die Förderung des Welthandels massgeblich zu Stabilität und Wohlstand beigetragen.
Wie konkret amerikanische Entschlossenheit vor Ort wirken kann, erlebten auch Schweizer Soldaten im Auslandseinsatz: Swisscoy-Angehörige berichteten aus dem Kosovo der Jahrtausendwende von einem Vorfall, bei dem serbische Freischärler einen Hilfskonvoi blockierten.
Die US-Eskorte drohte mit Waffengewalt – und der Konvoi passierte. Konvois mit europäischer Eskorte scheiterten an solchen Blockaden. Gegenwart und Gegenbild fallen jedoch auseinander. Die Sprunghaftigkeit des US-Präsidenten und die Unverfrorenheit seines Vize stehen im Kontrast zu dem rational-strategischen Denken, das Washington lange ausgezeichnet hat.
Eine stringente Strategie im Krieg gegen das iranische Terrorregime ist schwer erkennbar, und das Verhältnis zu den Nato-Partnern gilt als zerrüttet. Aus europäischer Sicht wirkt besonders das Auftreten von J. D. Vance als Affront.
Seine Münchner Rede, eine als bizarr kritisierte Kolonialisten-Reise nach Grönland und sein Solidaritätsbesuch dieser Woche bei Viktor Orban, den er für die Sabotage der EU lobte, gelten als Schlag ins Gesicht der transatlantischen Freundschaft.
Vance, der mit der „Hillbilly-Elegie“ bekannt wurde und seinen Übertritt zur katholischen Kirche öffentlichkeitswirksam inszenierte, personifiziert in dieser Lesart einen opportunistischen Nihilismus, der dem Machterhalt alles unterordnet – und ihm 2028 die Präsidentschaft einbringen soll.
Der republikanische Senator John McCain mahnte kurz vor seinem Tod: „Verzweifeln Sie nicht an unseren derzeitigen Schwierigkeiten, sondern glauben Sie immer an das Versprechen und die Grösse von Amerika.“ Er dürfte damit richtigliegen – auch wenn es derzeit schwerfällt, diese Zuversicht zu teilen.
