Migräne äußert sich nicht nur als Kopfschmerz

Millionen Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind von Migräne betroffen. Dabei handelt es sich nicht um eine Befindlichkeitsstörung, sondern um eine komplexe neurologische Erkrankung. Trotzdem fühlen sich viele Betroffene mit ihrem Leid alleingelassen.
Wie äußert sich eigentlich eine Migräne und was können Betroffene tun? In ihrem Buch " Migräne Doc" beleuchtet die Neurologin Dagny Holle-Lee, selbst Migränebetroffene und eine der führenden Expertinnen für Kopfschmerzen, was hinter Migräne mit Aura, Spannungskopfschmerz oder Cluster-Kopfschmerzen steckt.
Im Interview mit unserer Redaktion spricht sie zudem über Migränetrigger, akute Maßnahmen für Betroffene und typische Migränemythen, die sich hartnäckig halten: Sind beispielsweise Frauen wirklich häufiger betroffen als Männer – und wenn ja, warum? Beginnen wir ganz allgemein: Warum leiden so viele Menschen an Kopfschmerzen?
Dagny Holle-Lee: Viele der Kopfschmerzen, die zahlreiche Menschen umtreiben, sind genetisch bedingt. Bedeutet: Die Betroffenen kommen mit einer angeborenen Empfindlichkeit des Gehirns auf die Welt. Sicherlich sind Kopfschmerzen auch eine Reaktion auf all die Informationen, die von außen auf uns einwirken.
Ist dieses System – etwa durch weitere Einflüsse wie Lärm, Social Media oder Stress – überladen, können Kopfschmerzen auftreten. Es ist wichtig zu wissen, dass es keine normalen Kopfschmerzen gibt. Was viele Menschen häufig als vermeintlich normale Kopfschmerzen empfinden, ist in der Regel bereits eine Migräne.
Umso wichtiger ist es an dieser Stelle, den Unterschied zu kennen: Ein normaler Spannungskopfschmerz erzeugt keinen Leidensdruck, weil er durch Ablenkung, etwa, indem man das Haus verlässt oder ein Glas Wasser trinkt, schnell wieder verfliegt.
Sobald der Kopfschmerz aber beeinträchtigend ist und die betroffene Person erwägt, eine Schmerztablette zu nehmen, Pläne verwirft oder sich im schlimmsten Fall sogar ins Bett legen und ausruhen muss, sprechen wir von einer Migräne. "Auch wenn Migräne als Frauenkrankheit gilt, bedeutet das nicht, dass Männer nicht auch Migräne bekommen können." Migräne und Kopfschmerzen im Allgemeinen werden häufig in Bezug auf Frauen genannt.
Sind Frauen wirklich häufiger von Migräne betroffen? Ja, sind sie. Mit Eintreten der Pubertät sind Frauen etwa zwei- bis dreimal so häufig von Migräne betroffen wie Männer. Nichtsdestotrotz leiden auch viele Männer an Migräne, wir sprechen von zirka acht Prozent.
Auch wenn Migräne als Frauenkrankheit gilt, bedeutet das also nicht, dass Männer nicht auch Migräne bekommen können. Vielmehr wird Migräne bei Männern tendenziell sogar seltener diagnostiziert, weil sie eben als vermeintliche Frauenkrankheit abgetan wird oder Männer sich mit einer Migräne-Diagnose nicht wohlfühlen.
So ist es. Hormone, darunter vor allem die Geschlechtshormone, stellen einen wichtigen Einfluss auf die Migräne dar. Deswegen stellt sich häufig mit Auftreten der Pubertät eine Migräne ein, von der deutlich mehr Frauen als Männer betroffen sind. In Zeiten, in denen sich hormonelle Bedingungen ändern, ändert sich oft auch die Migräne.
So empfinden etwa Frauen während einer Schwangerschaft häufig eine Verbesserung der Migräne, während sie in der Perimenopause wiederum oftmals stärker wird. Auch unter einer Hormontherapie kann sich die Migräne verändern. Nach der Menopause nähern sich die Kurven von Frauen und Männern in der Regel wieder aneinander an.
Nein. Es gibt Erkrankungen, wie etwa Demenz, die mit der Zeit immer schlechter werden. Bei der Migräne ist das anders: Sie ist zyklisch und nicht statisch. Migräne ist von Faktoren wie den Lebensbedingungen, der beruflichen Situation, Stress oder Hormonen abhängig.
Insofern fluktuiert sie durch das Leben der Betroffenen und es gibt Phasen, in denen sie häufiger oder seltener Kopfschmerzen haben. In Ihrem Buch " Migräne Doc" widmen Sie sich unter anderem Triggern, die Migräne auslösen können, und der damit verbundenen Frage, wie Betroffene damit umgehen…
