Marina Abramović kehrt mit „Balkan Erotic Epic“ in den Berliner Gropius-Bau zurück

Ein dumpfer Rhythmus, vielstimmiges Klagen, körperlich spürbar: Im Lichthof des Martin-Gropius-Baus schlagen Dutzende schwarz gekleidete Frauen mit den Fäusten auf ihre Brust, ihre Stimmen kippen ins Ekstatische. Wer den Raum betritt, steht mitten in einem Ritual – und mitten im Kosmos von Marina Abramović.
Die Szene gehört zu „Tito’s Funeral“. Klagefrauen vollziehen ein Trauerritual, eine von ihnen ist Abramović selbst. Betrauert wird Josip Broz Tito, der 1980 verstorbene autoritäre Staatschef des sozialistischen Jugoslawiens. Die Künstlerin beschwört die kollektive Trauer, die sie als in Belgrad Aufgewachsene geprägt hat; ihre Eltern waren Partisanen im Zweiten Weltkrieg und später Teil der kommunistischen Elite.
Mit „Balkan Erotic Epic“ kehrt Abramović nach Berlin zurück – es ist ihre erste Einzelausstellung in der Stadt seit den 1990er-Jahren. „Balkan Erotic Epic ist das bedeutendste und persönlichste Werk, das ich je in meinem Leben geschaffen habe“, sagt Abramović in einem Videointerview vor der Eröffnung.
Gezeigt werden aktuelle Arbeiten wie „Tito’s Funeral“ neben frühen Performances aus den 1970er-Jahren, entstanden noch in Jugoslawien. Darunter „Rhythm 5“, eine einmalige Performance, in der ein mit Benzin getränkter, brennender fünfzackiger Stern – ein politisch aufgeladenes kommunistisches Symbol – zur Bühne wird.
Abramović legte sich in die Mitte des Feuers und verlor durch Sauerstoffmangel das Bewusstsein – ein bewusstes Überschreiten körperlicher und mentaler Grenzen. Drei Motive durchziehen die Räume: Rituale, Tod und Erotik.
Warum sie sich erst jetzt so intensiv mit Erotik befasst, beantwortet Abramović mit Blick auf ihr Alter: „Weil ich auf die 80 zugehe“, sagt sie und verweist auf Vorbilder wie Picasso, der in seinen letzten Lebensjahren tausende erotische Zeichnungen schuf. Erotik, betont sie, sei keine Frage des Alters, sondern eine grundlegende Kraft.
Besonders deutlich wird sie bei weiblicher Sexualität. Oft werde angenommen, mit den Wechseljahren verschwinde bei Frauen alles Erotische aus dem Leben, sagt Abramović. Sie wolle das Gegenteil zeigen: dass man bis zum Ende des Lebens erotisch und lebendig sein kann.
Zugleich spricht sie offen über ihre Biografie: Ihre eigene Sexualität habe sie lange nicht als erfüllend erlebt; eine Form der Erfüllung habe sie erst sehr spät – etwa ab 60 – gefunden. Erotik versteht Abramović dabei nicht als intime Begegnung zwischen zwei Menschen, sondern als etwas Kollektives.
„Erotik ist eine Urkraft des Körpers. So vermehren wir uns. Und: Erotik und Sterben hängen eng miteinander zusammen“, sagt sie. Viele Menschen verspürten beim Trauern starkes sexuelles Verlangen – nur werde darüber kaum gesprochen.
Folgerichtig inszeniert die Meisterin der Grenzüberschreitung im Gropius-Bau eine Orgie auf einem Friedhof: Auf zwischen Grabsteinen aufgestellten Leinwänden küsst und liebkost ein Mann ein Skelett; Frauen lehnen an Grabsteinen und massieren ihre Brüste. Überraschend ist Abramovićs Deutung der Gegenwart: Sie zieht eine direkte Verbindung zwischen gesellschaftlichen Krisen und unterdrückter Sexualität.
Auch damit verknüpft die Ausstellung Körper, Mythos und Politik zu einem Parcours, der den Blick auf Trauer und Begehren radikal weitet. So führt „Balkan Erotic Epic“ in das Zentrum von Abramovićs Werk: das Ritual als Form der Erinnerung, das Sterben als Gegenpol zur Lebenskraft – und die Erotik als Motor, der all das zusammenhält.
Eine Schau, die an die Substanz geht.
