Laut Klima-Risikoindex am stärksten bedroht: Wilhelmshaven rüstet sich für steigende Pegel

Am östlichen Eingang der Wilhelmshavener Marktstraße prangt auf verklebten Schaufenstern der Slogan „Wir machen grün statt grau“. Nebenan aber zieht sich die Einkaufsmeile hunderte Meter als geschlossene Steinfläche hin, auf der sich das Wasser der jüngsten Märzgüsse in der Mitte sammelt.
Der Kontrast zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist unübersehbar – und dahinter steht eine größere Sorge: Wie schützt man eine Stadt, die laut einer aktuellen Untersuchung zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Orten in Deutschland zählt? Die 75.000‑Einwohner‑Stadt in Niedersachsen führt den Ende vergangenen Jahres veröffentlichten Klima‑Risikoindex an.
Das Institut der deutschen Wirtschaft und die Ergo‑Versicherung haben für alle 400 Landkreise und kreisfreien Städte eine Prognose erstellt, wie hoch ihre aktuellen Risiken sind und wie gefährdet ihre Infrastruktur um das Jahr 2050 sein wird. Grundlage sind zehn Naturgefahren, darunter Sturm, Starkregen und Hitzestress.
Auf der Skala von 0 bis 10 liegt Wilhelmshaven derzeit mit 5,7 an der Spitze; bis 2050 soll der Wert auf 5,88 steigen. Nach dieser Bewertung sind die Gefahren durch die Klimakrise hier bundesweit am höchsten. Im Rathaus, dem wuchtigen Backsteinbau aus den 1920er‑Jahren, gibt sich Oberbürgermeister Carsten Feist demonstrativ gelassen.
Es gebe ständig Rankings, sagte der parteilose Bürgermeister, „und auch dieses hier nimmt man zur Kenntnis“. Überraschend sei die Einstufung nicht – sie sei der besonderen Lage an der Küste geschuldet. Naheliegenderweise gilt die größte Gefahr Sturmfluten.
Wilhelmshaven liegt an drei Seiten am Meer: nach Norden an der offenen Nordsee mit dem Jade‑Weser‑Port, dem einzigen deutschen Tiefwasserhafen; nach Osten am Eingang in den Jadebusen mit dem größten Stützpunkt der Deutschen Marine; und nach Süden am Jadebusen mit der langen, der Stadt vorgelagerten Promenade.
Für den Schutz der Deiche ist nicht die Stadt zuständig, sondern vor allem das Land. Mit finanzieller Unterstützung des Bundes will Niedersachsen in diesem Jahr rund 120 Millionen Euro in den Küstenschutz und den Hochwasserschutz im Binnenland investieren. Mehr als 280 Einzelmaßnahmen sind dafür geplant, teilte Umweltminister Christian Meyer (Grüne) vorvergangene Woche mit.
Entsprechend des steigenden Meeresspiegels sollen die Deiche entlang der mehr als 600 Kilometer langen Küste mittelfristig um einen Meter erhöht werden. Während die Südstrand‑Promenade zum Flanieren einlädt, wirbt die Stadt zugleich für eine „klimaresiliente Innenstadt“, die – so die Projektbeschreibung – zu einem „attraktiven Lebens‑ und Arbeitsort“ werden soll.
Entscheidend wird jedoch sein, ob die geplanten Küstenschutzmaßnahmen und Anpassungen vor Ort ausreichen, um die erwarteten Stürme, Starkregenereignisse und den steigenden Meeresspiegel abzufedern. Der Klima‑Risikoindex prognostiziert jedenfalls, dass das Risiko bis 2050 weiter zunimmt.
