Kommentar: Fracking greift als Ausweg aus der Energiekrise zu kurz

Die Verlockung ist groß: Deutschland braucht auf absehbare Zeit Gas, und in Niedersachsen liegen erhebliche Vorkommen. Warum also weiter importieren, wenn man heimische Reserven erschließen könnte – notfalls per Fracking? Aus Sicht von Hauptstadt-Korrespondentin Katharina Seiler greift diese Rechnung zu kurz.
Befürworter verweisen darauf, Fracking-Gas lasse sich hierzulande sauberer fördern als in Ländern wie den USA, aus denen Deutschland derzeit importiert. Das klingt auf den ersten Blick plausibel. Auf den zweiten Blick, so der Kommentar, zeigt sich jedoch ein komplexeres Bild: Schiefergas-Fracking ist in Deutschland verboten, und die notwendige gesellschaftliche wie rechtliche Grundlage fehlt.
Zwar hat die CDU die Debatte neu entfacht, doch ein Kurswechsel wäre voraussetzungsvoll. Erstens ist die Akzeptanz gering – besonders dort, wo die Lagerstätten liegen, vor allem in Niedersachsen. Diese Menschen müssten überzeugt werden. Zweitens wären Gesetzesänderungen auf Bundes- und Landesebene nötig, um Fracking zu erlauben.
Drittens bräuchte es Unternehmen, die trotz begrenzter Perspektive investieren: Spätestens 2045 will Deutschland klimaneutral sein und sich von fossilen Energien verabschiedet haben. Das verkürzt den Zeitraum, in dem Investitionen in die Förderung Gewinne abwerfen könnten.
Vor diesem Hintergrund, so Seiler, würde ein Einstieg Deutschland über Jahre stärker an eine fossile Energie binden. Lieferverträge auslaufen zu lassen, sei einfacher als eine industrielle Förderung zu beenden. Die Fracking-Debatte ist damit auch ein Test dafür, wie ernst es dem Land mit dem Ausstieg aus fossilen Energien bis 2045 ist.
Zur Einordnung: Beim Hydraulic Fracturing wird eine meist mit Chemikalien versetzte Flüssigkeit über ein Bohrloch in eine Erdöl- oder Erdgaslagerstätte gepresst. Der Druck erzeugt feine Risse im Speichergestein, durch die der Rohstoff zum Bohrloch fließen und gefördert werden kann.
Zuvor wird bis zu fünf Kilometer tief gebohrt und anschließend horizontal in die Gesteinsschicht abgelenkt. Niedersachsen verfügt über die größten Erdgasreserven Deutschlands; rund 98 Prozent des deutschen Erdgases werden dort gefördert. Seit 1961 wurden mehr als 320 Fracking-Maßnahmen in mehrere hundert bis mehrere tausend Meter tiefen Lagerstätten durchgeführt, die letzte 2011.
Ein 2017 beschlossenes Gesetzespaket schreibt für neue Maßnahmen ein Planfeststellungsverfahren mit Umweltverträglichkeitsprüfung und Öffentlichkeitsbeteiligung vor.
