Herbert Grönemeyer wird 70: Vom Konzert vor zwei Leuten zum Pop-Olymp

Zwei Zuhörer in einem Saal für 1500: Szenen wie dieses Berliner Konzert gehören zu Herbert Grönemeyers frühen Jahren – heute füllt der deutsche Superstar seit über vier Jahrzehnten grosse Hallen und führt regelmässig die Charts an. Zum 70. Geburtstag fällt der Blick zurück auf eine Karriere, die nicht als Triumphzug begann, sondern als zähes Ringen um Aufmerksamkeit.
Bevor Mitte der 1980er der Erfolg einsetzte, veröffentlichte Grönemeyer vier weitgehend übersehene Alben. Sein Debüt „Grönemeyer“ (1979) verkaufte sich 500-mal, der Nachfolger „Zwo“ (1980) gar nur 300-mal. Bei „Total egal“ (1982) und „Gemischte Gefühle“ (1983) zogen die Verkäufe zwar an, doch auf der Bühne blieb der Andrang aus.
Konzerte vor zehn Leuten waren Realität; manches Gastspiel musste abgesagt werden – etwa wenn nur ein einziges Ticket verkauft war. Einmal trat er in Berlin vor zwei Menschen auf; in den Raum hätten 1500 gepasst. Seinen Frust bannte Grönemeyer damals in Songs.
In „Total egal“ singt er: „Den Job geschafft vor nur dreissig Leuten / So’n mieses Kaff, nur Zeit vergeudet…“. Trotzdem machte er unbeirrt weiter. Aus jener Phase stammen Stücke wie „Ich hab dich lieb“, „Currywurst“ oder „Musik nur, wenn sie laut ist“, die heute als Klassiker gelten.
Die frühen Alben bieten jedoch mehr als spätere Single-Ruhm: Grönemeyer experimentierte mit überbordender Instrumentierung und abrupten Tempowechseln, um jede Regung der Geschichten musikalisch mitzuerzählen. Aus heutiger Perspektive wirken diese Platten aus der Zeit gefallen – damals waren sie ihrer Zeit voraus.
Ein brillanter Musiker war er von Anfang an. Der Durchbruch kam 1984 – ein Jahr, nachdem ihn seine damalige Plattenfirma wegen ausbleibenden kommerziellen Erfolgs fallengelassen hatte. „4630 Bochum“ mit „Männer“, „Flugzeuge im Bauch“ und „Alkohol“ katapultierte den bodenständigen Nischenkünstler an die Spitze des Pop.
„Sprünge“ (1986) und „Ö“ (1988) zementierten den Aufstieg. 2002 übertraf „Mensch“ mit über drei Millionen verkauften Einheiten alles zuvor Erreichte; in Deutschland verkaufte sich nur der Soundtrack zu „Dirty Dancing“ besser. Über „Mensch“ wurde viel und lange gesprochen – über die persönlichen Schicksalsschläge dahinter und deren Verarbeitung.
Oft geriet dabei in den Hintergrund, wie entscheidend die Jahre 1979 bis 1983 für die Entwicklung des heute kommerziell erfolgreichsten Musikers in Deutschland waren. Zum 70. lohnt der Blick zurück auf diese Forscherjahre – mit frühen Stücken wie „Pompeji“, „Kairo“, „Anna“, „Total Egal“ und natürlich „Musik nur, wenn sie laut ist“ –, in denen die Grundlagen für den späteren Triumph gelegt wurden.
