Geheime Unterlagen: Schulungen für PVA-Gutachter mit veralteten ME/CFS-Leseempfehlungen

Geheime Schulungsunterlagen für ärztliche Gutachter, die im Auftrag der Pensionsversicherung über Arbeitsunfähigkeit und Pflegebedarf entscheiden, enthalten Leseempfehlungen zu ME/CFS und dem Post-Covid-Syndrom, die laut Fachleuten nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen.
Kritiker warnen, die Auswahl könnte dazu beitragen, körperliche Erkrankungen psychisch umzudeuten. Die Österreichische Akademie für ärztliche und pflegerische Begutachtung (ÖBAK), die die Lehrgänge organisiert, betont hingegen, in den Kursen würden formale Standards des Begutachtungsverfahrens vermittelt, nicht medizinisches Wissen.
Den vorliegenden Unterlagen zufolge handelt es sich um Material aus einem Zertifizierungslehrgang für Gutachterinnen und Gutachter aus dem Jahr 2025: eine PowerPoint-Präsentation mit 13 Folien zu verschiedenen Krankheitsbildern, darunter ME/CFS und das Post-Covid-Syndrom.
Die Präsentation trägt das ÖBAK-Logo. Die ÖBAK ist ein von den Pensionsversicherungen gegründeter Verein, der im Auftrag der Träger die Ausbildung von Gutachtern organisiert; personell besteht eine enge Verzahnung mit der Pensionsversicherungsanstalt (PVA), die Adresse der ÖBAK ist zugleich der Hauptsitz der PVA.
Noch Ende Jänner erklärte die ÖBAK auf Anfrage, in den Lehrgängen würden die formalen Standards geschult, „nicht das medizinische Wissen“. Auch die PVA hielt in einem Bescheid vom März fest, sie mache „keinerlei inhaltliche Vorgaben“. Die nun vorliegenden Unterlagen widersprechen diesen Darstellungen: Auf mehreren Folien werden konkrete Krankheitsbilder beschrieben.
Eine Folie stellt etwa ME/CFS der psychischen Erkrankung Neurasthenie, auch als Nervenschwäche bekannt, gegenüber. Diese Diagnose gilt als veraltet, kommt in Gutachten der PVA aber weiterhin vor. Mit den Unterlagen konfrontiert, bekräftigte die ÖBAK im Wesentlichen, dass Gutachter nicht inhaltlich geschult würden.
Vortragende verwendeten zwar auch medizinische Begriffe, das sei jedoch nicht mit einer fachärztlichen Ausbildung zu verwechseln. Zudem seien die ÖBAK-Unterlagen urheberrechtlich geschützt und ihre Verbreitung untersagt. Man halte die Vortragsfolien laufend aktuell; im aktuellen Stand seien keine Literaturhinweise enthalten.
Fachleute üben scharfe Kritik an den in den Unterlagen genannten Leseempfehlungen. Der ME/CFS-Spezialist Thomas Weber zeigte sich über die Auswahl „schockiert“ und sprach von maximal einem „kleinen, veralteten Einblick“. Zwei Artikel aus dem Jahr 2024 vermittelten demnach das Bild, ME/CFS sei eine rein psychiatrische Erkrankung – was es aus seiner Sicht nicht ist: Es handle sich um eine schwere Multisystemerkrankung.
Der Internist und ME/CFS-Spezialist Christoph Bammer vermutet eine gezielte Auswahl. Ein Beitrag beschäftige sich vor allem mit dem Namen der Krankheit, lasse aber wesentliche Evidenz aus und liefere Scheinargumente, mit denen Gutachter entsprechende Diagnosen abwehren könnten.
Die Auswahl sei geeignet, Berichte und Leidensgeschichten von Patientinnen und Patienten zu delegitimieren und ihren Zugang zu Sozialleistungen zu blockieren. Auch das Nationale Referenzzentrum für postvirale Syndrome an der MedUni Wien sieht die Leseempfehlungen kritisch und betont, sie bildeten den aktuellen Stand der Wissenschaft nicht ab.
Bei den beiden Artikeln zu ME/CFS handle es sich um Einzelmeinungen, so die Koleiterin Eva Untersmayr-Elsenhuber. Ihre Kollegin Kathryn Hoffmann ergänzte, die Empfehlungen stellten keinen Konsens der Evidenzlage dar; diese zeige im Unterschied dazu eindeutig, dass ME/CFS eine somatische, also körperliche, Erkrankung ist.
Die Debatte rückt die Ausbildung jener Ärztinnen und Ärzte in den Fokus, die über zentrale Weichenstellungen im Sozialstaat befinden. Ob und wie die Schulungsinhalte angepasst werden, bleibt vorerst offen; die vorliegenden Materialien und die deutliche Kritik der Fachwelt erhöhen jedoch den Druck auf PVA und ÖBAK.
