„Etwas von Respektlosigkeit“: Kulturwissenschaftler kritisiert Kommerz am Muttertag

Der Muttertag erzählt heute mehr über Konsumgewohnheiten als über die Lebensrealität von Müttern – so sieht es der Regensburger Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder. Aus kultur- und konsumkritischer Perspektive habe der Tag „sogar etwas von Respektlosigkeit“, sagt er.
Müttern falle eine passive Rolle zu, sie nähmen Geschenke entgegen, während ihre Situation selten öffentlich zur Sprache komme. Der Tag wirke wie Dekoration, wie Verniedlichung. Blumen, Pralinen, nette Worte – damit ist es für viele getan. Dabei leisten Frauen mit kleinen Kindern nach Angaben des Statistischen Bundesamts weiterhin mehr Sorgearbeit und sind deutlich seltener erwerbstätig als Väter in vergleichbarer Lage.
Dennoch präsentiere Werbung den Tag als Fest des Kommerzes. Hirschfelder betont, der Muttertag sei heute nicht darauf angelegt, etwas zu verändern oder ein anderes Bewusstsein zu schaffen; er fülle vielmehr – ähnlich dem Valentinstag – eine Leerstelle im Jahreslauf, zumal kirchliche Feste an Bedeutung verlieren.
In weniger akademischen und urbanen Milieus spiele der Muttertag nach Hirschfelders Beobachtung eine größere Rolle als im klassischen Bürgertum.
Zugleich offenbare er ein demografisches Dilemma: „Mutter zu sein, ist in Deutschland heute keine Selbstverständlichkeit mehr.“ Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer habe 1957 in der Rentendebatte noch gesagt: „Kinder kriegen die Leute immer“ – eine Einschätzung, die sich im Rückblick nicht bestätigt hat.
Unter Frauen der Jahrgänge 1938 bis 1940 blieben etwa elf Prozent kinderlos; heute sind es laut Statistischem Bundesamt recht konstant 20 Prozent – ob gewollt oder ungewollt. Ohne Zuwanderung würde Deutschland nur wachsen, wenn 80 Prozent der Frauen mehr als zwei Kinder bekämen.
Der Durchschnitt liegt bundesweit bei 1,35. Auch veränderte Familienformen prägen den Tag. In Patchwork-Konstellationen werde es für Kinder knifflig: „Nur die leibliche Mutter oder auch die neue Frau des Vaters?“ Hinzu kommt das Mutterbild in Migrantenfamilien.
Dort herrschten mitunter sehr konservative Rollenbilder, was mit Blick auf Frauenrechte problematisch sein könne. Zugleich beobachte Hirschfelder eine tiefere Wertschätzung der Mutterrolle als in Deutschland. Ähnliche Formen von Respekt sieht er in Teilen der postsowjetischen Welt, die er kenne, etwa in Moldau und in der Ukraine.
Historisch hatte der Muttertag verschiedene Funktionen. Im westdeutschen Alltag der frühen 1960er Jahre bot er Frauen eine kleine Bühne – einmal im Jahr wurden sie öffentlich zum Thema. Die gesellschaftliche Norm verlangte damals, zu Hause zu bleiben und Kinder zu bekommen: ein Leben in Pflichterfüllung, als Anhängsel des Mannes, nahezu unsichtbar.
Entsprechend wichtig war der Tag. In den 1970er Jahren konterte die westdeutsche Frauenbewegung mit dem Slogan: „Danke für die Blumen. Rechte wären uns lieber!“ In der DDR waren Frauen meist berufstätig, der gesellschaftliche Fokus auf Gleichberechtigung lag beim Frauentag; der Muttertag blieb Privatsache.
Hirschfelder betont, er wolle die Situation von Müttern im Osten dennoch nicht glorifizieren. Für Hirschfelder ist der zweite Sonntag im Mai damit weniger ein Tag, der die Lage von Müttern abbildet, als ein Spiegel von Konsum, gesellschaftlichen Verschiebungen und demografischen Bruchlinien.
