Ein Jahr Merz: Experten warnen vor Lücken – hält Schwarz-Rot die Klimaziele?

Ein Jahr nach dem Amtsantritt von Bundeskanzler Friedrich Merz steht die schwarz-rote Koalition beim Klimaschutz unter Druck. Zwar bekennt sich die Regierung weiter zu zentralen Eckpunkten der Energiewende, doch Fachgremien sehen erhebliche Lücken – und warnen, dass Deutschlands Klimaziele in den kommenden Jahren verfehlt werden könnten.
CDU/CSU und SPD hatten in ihrem Koalitionsvertrag bekräftigt, Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen: Industrieland bleiben und zugleich treibhausgasfrei werden. Merz betonte mehrfach, Klimaschutz solle technologieoffen und möglichst kosteneffizient erreicht werden.
An wichtigen Weichenstellungen halten die Partner fest – etwa am Ziel, den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix bis 2030 auf 80 Prozent zu steigern. „Das Festhalten am 80-Prozent-Erneuerbaren-Ziel ist ein sehr wichtiger Baustein“, sagt Energieforscher Patrick Plötz vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung.
Positiv bewertet er auch, dass die Förderung für den Einbau von Wärmepumpen weiterläuft. Gleichzeitig hat die Regierung ihr Klimaschutzprogramm beschlossen. Das SPD-geführte Umweltministerium beziffert darin zusätzliche Einsparungen bis 2030 auf rund 25 Millionen Tonnen CO2.
Diese Maßnahmen sollen bestehende Lücken auf dem Pfad zu den Klimazielen schließen. Nach Einschätzung von Barbara Schlomann, der Vorsitzenden des Expertenrats für Klimafragen, werden die Lücken damit jedoch „nicht vollständig gefüllt“.
Der Rat, der die Klimapolitik der Bundesregierung überwacht, attestiert dem Programm ein insgesamt „geringes Ambitions- und Innovationsniveau“ und sieht das Risiko, dass die Ziele spätestens 2040 verfehlt werden könnten. Zudem könnten nach Einschätzung des Expertenrats die projizierten Klimaschutzlücken durch weitere Vorhaben der Koalition größer werden.
Im Koalitionsvertrag ist die Abschaffung des Gebäudeenergiegesetzes angekündigt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will es durch ein Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) ersetzen, das unter anderem weiterhin den Einbau neuer Gasheizungen erlauben soll.
Plötz befürchtet, dies würde „die Transformation hin zum klimaneutralen Heizen insgesamt etwas verzögern“. Violetta Bock, wärmepolitische Sprecherin der Linken, kritisierte den Plan als Freifahrtschein für die Gaslobby. Reiche sah sich in ihrem ersten Amtsjahr wiederholt Kritik wegen ihrer Nähe zur Energiebranche ausgesetzt; der Verein LobbyControl spricht mit Blick auf ihre Politik von einer starken fossilen Agenda.
Auch beim sogenannten Netzpaket und der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes liegt die Federführung in Reiches Wirtschafts- und Energieministerium. Geleakte Entwürfe sorgten im Februar 2026 für Verunsicherung in der Solar- und Windbranche.
Der Projektentwickler Levin Streit von der Bürgerenergie-Genossenschaft UrStrom eG schildert am Beispiel einer Kita-Dachanlage mit 14 Reihen Solarmodulen, von denen ein kleiner Teil dem Eigenverbrauch dient und der Rest ins Netz eingespeist wird, wie Änderungen wirken könnten: Sollten Einspeisevergütungen wegfallen oder deutlich erschwert werden, würde man „nur noch vier Reihen für den Eigenbedarf“ installieren.
Studien des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme zeigen, dass ohne garantierten Abnahmepreis eine höhere Eigenverbrauchsquote nötig wäre. 2026 stehen damit zentrale Weichenstellungen in der Klimapolitik an.
Während die Regierung an Kernzielen festhält, warten Branchen und Experten auf Klarheit über die Ausgestaltung von GMG, Netzpaket und EEG-Novelle – und darauf, ob Schwarz-Rot die verbleibenden Lücken schließen kann, ohne das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 zu gefährden.
