Börse-Chef Boschan warnt: Österreich droht beim Kapitalmarkt den Anschluss zu verlieren
Österreich läuft Gefahr, beim Kapitalmarkt den Anschluss zu verlieren – davor warnt Christoph Boschan, seit 2016 Chef der Wiener Börse. Die Menschen hätten sich in Finanzfragen bereits von der Politik emanzipiert, sagte er.
Sein Appell: „Entwickelt den Kapitalmarkt im Allgemeinen und alles andere fügt sich automatisch.“ Positiv sei, dass die rein faktische Aktienquote in der Bevölkerung gestiegen sei, insbesondere durch viele junge Neueinsteiger. Für eine tragfähige nationale Investorenbasis reiche das aber noch nicht, so Boschan.
Die politischen Rahmenbedingungen hätten sich „seit jeher nicht verändert“, mehr als Absichtserklärungen erkenne er nicht. Der Befund sei eindeutig: Die Aktienquote habe sich „trotz, nicht wegen der Politik“ verbessert. Wohlstand lasse sich über Beteiligungen an Unternehmen vermehren, nicht über staatliche Umverteilung, betonte er.
Warum das Umdenken gerade jetzt einsetze? Boschan nennt mehrere Gründe: Der politische Gestaltungswille werde als begrenzt wahrgenommen. Zudem informierten sich viele Menschen heute selbst und könnten Wissen von überall zusammentragen. Steigende Märkte weckten zusätzlich das Interesse, vom Börsenboom zu profitieren.
Drittens registriere er ein Misstrauen gegenüber sozialen Sicherungssystemen, die „knallhart schuldenfinanziert“ seien. Vor allem Jüngere, die künftige Lasten zu tragen hätten, nähmen ihre Vorsorge daher selbst in die Hand. Politik tue sich mit Veränderungen schwer, weil sie selten über Legislaturperioden hinausdenke, erklärte Boschan.
Kapitalmarktpolitik sei langfristig – schwer in Wählerstimmen zu übersetzen. Kreditfinanzierte Zuwendungen lieferten schneller sichtbare Effekte. Staaten, die Teile ihrer Sozialsysteme kapitalmarktgestützt organisiert oder Staatsfonds aufgebaut hätten, hätten diese unpopulären Schritte vor 20 bis 30 Jahren gesetzt.
Es habe Politiker gebraucht, die bereit gewesen seien, Veränderungen durchzusetzen. Gleichzeitig beobachtet Boschan eine wachsende Gesprächsbereitschaft. In bilateralen Runden räumten selbst ausgewiesene Kritiker ein, dass Österreich „gar keine andere Chance“ habe, als seine sozialen Sicherungssysteme stärker am Kapitalmarkt zu orientieren.
Dabei gehe es nicht um Experimente, sondern um Modelle, die anderswo seit Jahrzehnten etabliert seien. Er sei auch auf die anstehende Industriestrategie gespannt. „Ich frage mich oft: Hello, Austria, anyone there? Hört die Signale!“, sagte Boschan. Seine Kernbotschaft bleibt: Ohne verlässliche, investitionsfreundliche Rahmenbedingungen wird Österreich zurückfallen.
Erst wenn der Kapitalmarkt konsequent entwickelt werde, könne sich der Rest „automatisch“ fügen.
